Leitfaden · 15 Min.

30-Jahres-Forecast — was eine Immobilie wirklich abwirft

Jahr 1 sieht meist mau aus, Jahr 30 sieht meist gut aus. Was passiert dazwischen — und welche Stellschrauben entscheiden, ob das Investment am Ende eine Rendite oder eine Lehre wird.

Die häufigste Fehlentscheidung bei Renditeobjekten: nur auf Cashflow Jahr 1 schauen. Eine deutsche Eigentumswohnung zu 285 000 € sieht im ersten Jahr meist mau aus — oft ist der Cashflow nach Steuer leicht negativ, manchmal knapp positiv. Wer dann sagt „lohnt sich nicht", hat den Punkt verpasst.

Immobilien-Investments rechnen sich über Zeit. Drei Effekte werden ab Jahr 5 sichtbar und ab Jahr 10 dominant: Tilgung baut Eigenkapital auf, Mieten steigen schneller als Zinsen, und Wertzuwachs verschiebt die Renditerechnung komplett. Schauen wir uns das Jahr für Jahr an.

Jahr 1 — die mau-Phase

Beispiel: 285 000 € Wohnung in Berlin, 60 000 € Eigenkapital, 250 000 € Darlehen zu 3,8 % Zins, 2 % Tilgung, 950 € Kaltmiete. Steuersituation: 65 000 € Jahreseinkommen, ledig, keine Kirchensteuer.

  • Einnahmen 12 × 950 €: 11 400 €
  • Hausgeld nicht umlagefähig + Reserve: −1 800 €
  • Annuität (Zins + Tilgung): −14 500 €
  • Cashflow vor Steuer: −4 900 €
  • AfA + Werbungskosten reduzieren Steuerlast: +3 100 € Steuerrückerstattung
  • Cashflow nach Steuer: −1 800 € (~−150 €/Monat)

Liest sich nicht spektakulär. Hier ist der Punkt vieler Investor-Aussteiger: „macht mir kein Geld". Aber Cashflow ist nur ein Teil der Rechnung — die restliche Bewegung passiert auf der Bilanz.

Jahr 1 — die unsichtbare Bilanz-Bewegung

Während du operativ 1 800 € draufzahlst, passiert noch:

  • Tilgung baut Eigenkapital auf: 250 000 € × 2 % = 5 000 € weniger Schulden. Dein Eigenkapital wächst um 5 000 €.
  • Wertsteigerung: Bei 2,5 % p.a. (historischer Berliner Schnitt) steigt der Marktwert um ~7 100 €.
  • Netto-Vermögenseffekt Jahr 1: −1 800 € Cash + 5 000 € Tilgung + 7 100 € Wertsteigerung = +10 300 € Vermögen aufgebaut.

Bei 60 000 € Einsatz sind das eine reale EK-Rendite von ~17 % im ersten Jahr — auch wenn das Konto monatlich rot blinkt.

Jahr 5 — der Wendepunkt

Mietsteigerung (1,5 % p.a.) bringt die Kaltmiete von 950 € auf ~1 023 €. Annuität bleibt konstant (Zinsbindung läuft noch), Hausgeld steigt mit der Inflation. Das Verhältnis kippt:

  • Cashflow vor Steuer wird zunehmend positiv
  • Tilgungsanteil wächst (klassischer Annuitätenkredit-Effekt)
  • Restschuld nach 5 Jahren: ~217 000 € (von 250 000 €)
  • Marktwert (bei 2,5 % p.a.): ~322 600 €
  • Gebundenes Eigenkapital im Objekt: ~106 000 € (Wert minus Restschuld)

Das Investment hat sein eigenes Eigenkapital fast verdoppelt — von 60 000 € auf 106 000 € — bei einem operativen Cashflow, der jetzt etwa neutral ist.

Jahr 10 — Anschlussfinanzierung, Spekulationsfrist, Wahlmöglichkeit

Hier passiert mehr als in den 9 Jahren davor zusammen. Drei Dinge gleichzeitig:

1. Die Zinsbindung läuft aus

Restschuld nach 10 Jahren: ~192 000 €. Du verhandelst neu. Der Markt ist entweder günstiger (=besserer Zins) oder teurer (=Cashflow-Druck). Mit dem aktuellen Bauzins-Niveau plus 50–100 bp Puffer rechnen — siehe der Bauzinsen-Leitfaden.

2. Spekulationsfrist endet

§23 EStG: nach 10 Jahren ist der Verkauf komplett steuerfrei. Bei unserem Beispielobjekt mit 2,5 % Wertsteigerung ist der Marktwert nach 10 Jahren bei ~365 000 €. Verkauf brutto = 365 000 €. Verkaufskosten ~3 % = −11 000 €. Restschuld ablösen = −192 000 €. Realisierter Gewinn: ~162 000 €, steuerfrei.

Auf 60 000 € ursprüngliches Eigenkapital ist das ein IRR von ~14 % — netto, nach allen Steuern, nach allen Kosten.

3. Oder: weitermachen

Verkaufen ist nicht zwingend optimal. Bleibst du im Objekt:

  • AfA läuft weiter (lineare AfA: 50 Jahre, also noch 40 Jahre Steuervorteil)
  • Cashflow ist mittlerweile positiv und wächst weiter mit der Miete
  • Tilgung beschleunigt sich (Annuitäten-Effekt: kleinere Restschuld → mehr Tilgungsanteil)
  • Wertsteigerung läuft weiter

Die Daumenregel: wer langfristig auf Vermögensaufbau spielt, sollte das Objekt halten. Wer Liquidität braucht oder auf andere Investments umschichten will, hat nach 10 Jahren das steuerfreie Fenster offen.

Jahr 20 — wo es langweilig wird (im guten Sinn)

Bei stetiger Mietsteigerung und neutralem Anschlusszins:

  • Kaltmiete: ~1 280 € (gestartet bei 950 €)
  • Restschuld: ~120 000 €
  • Marktwert (2,5 % p.a.): ~467 000 €
  • Gebundenes EK im Objekt: ~347 000 €
  • Cashflow nach Steuer: deutlich positiv, ~3 000 € p.a. (= 250 €/Monat)

Die Investition trägt sich selbst, der Hebel hat 80 % seiner Arbeit getan. Die Frage ist jetzt nicht mehr „rechnet es sich", sondern „nehme ich Geld raus (Refinanzierung, Verkauf) oder lasse ich es stehen".

Jahr 30 — der Endpunkt

Wenn du das Objekt 30 Jahre hältst:

  • Kaltmiete: ~1 645 €
  • Restschuld: meist 0 € (bei 2 % Tilgung läuft das Darlehen ungefähr 26 Jahre)
  • Marktwert: ~597 000 €
  • Gesamtertrag: Wertsteigerung 312 000 € + 30 Jahre kumulierter Cashflow ~ 70 000 € + Steuerersparnis kumuliert ~30 000 € = ~412 000 € Gewinn auf 60 000 € Einsatz
  • IRR über 30 Jahre: ~9,5 % p.a. — das ist Aktienmarkt-Niveau, mit deutlich weniger Volatilität und ohne dass du etwas tun musstest

Was kann schiefgehen?

Drei Szenarien drücken die Rechnung deutlich:

  • Anschlusszins-Sprung: Wenn der Anschluss nach 10 Jahren bei +200 bp gegenüber heute liegt, kippt der Cashflow eines knappen Objekts ins Negative. Konservativer Modus in der ertragwerk-Prognose: 100–150 bp Puffer.
  • Leerstand: 6 Monate Leerstand bedeuten ~5 700 € weniger Einnahmen + oft Sanierungskosten. In der Mehrjahresrechnung verkraftbar, im Einzeljahr schmerzhaft.
  • Sanierung Ü10 Jahre: Heizung, Fassade, Dach — irgendwann fällig. 5 % p.a. der Kaltmiete als Reserve einplanen ist die übliche Faustregel; ertragwerk arbeitet mit Default 2 % der Kaltmiete (konservativ niedriger, weil der Kauf vorher oft schon einen Sanierungs-Sicherheitsabschlag hat).

Zusammenfassung

Cashflow Jahr 1 ist ein schlechter Indikator für die Qualität eines Immobilien-Investments. Die echten Zahlen entstehen über 10–30 Jahre durch Tilgung, Mietsteigerung und Wertzuwachs. Der typische Verlauf:

  • Jahr 1–4: leichter operativer Verlust, aber starker Vermögensaufbau auf der Bilanz
  • Jahr 5: Cashflow fast neutral, gebundenes EK fast verdoppelt
  • Jahr 10: steuerfreies Verkaufsfenster offen, IRR realistisch im niedrigen zweistelligen Bereich
  • Jahr 30: Tilgung abgeschlossen, vollständiges Eigentum, deutlich positiver Cashflow

Der ertragwerk-Forecast rechnet das alles automatisch durch — Jahr für Jahr, mit allen Steuereffekten, inklusive AfA-Auslauf, Anschlusszins und Spekulationsfrist-Fenster. Auch der Sensitivitäts-Test (was passiert bei +200 bp Anschluss?) ist ein Klick.

Häufige Fragen

Welche Wertsteigerung ist realistisch?

Historisch (1990–2024) lag die Preissteigerung deutscher Wohnimmobilien bei ~3,5 % p.a. nominal, mit starker Streuung: A-Städte (Berlin, München) eher 4–6 %, ländliche Regionen 1–2 %, Schrumpfungsregionen sogar negativ. ertragwerk verwendet als Default 2 % p.a. — bewusst konservativ, weil zu optimistische Annahmen Investments „schöngerechnet" wirken lassen. Wer in A-Lagen kauft, kann 3 % einsetzen; in B-/C-Lagen lieber bei 1,5 % bleiben.

Wie viel Mietsteigerung kann ich annehmen?

Bei Bestandsmietern ist die Kappungsgrenze 15 % in 3 Jahren in regulären Gebieten (20 % außerhalb). Faktisch realisieren sich oft 1–2 % p.a. — Inflation drückt an die Grenze, aber Mieterwechsel sind die größten Sprungquellen (Neuvermietung darf in der Mietpreisbremse-Zone +10 % über ortsüblicher Vergleichsmiete liegen). Realistisch: 1,5 % p.a. im Schnitt über 30 Jahre für ein normales Bestandsobjekt.

Was, wenn ich vor Ablauf der 10 Jahre verkaufen muss?

Dann zahlst du Spekulationssteuer mit deinem Grenzsteuersatz auf den Gewinn (Verkaufspreis − Buchwert − Verkaufskosten). Bei 42 % Grenzsteuersatz und 100 000 € Gewinn sind das 42 000 € Steuer. Plus: die jährliche AfA wird über die Buchwert-Reduzierung effektiv „nachversteuert". Vor 10 Jahren zu verkaufen ist daher meistens steuerlich teuer — Renditeobjekte sind Langzeitinvestments, kein Trading.

Wie wirken sich Sondertilgungen aus?

Massiv. Standard-Annuitätsdarlehen tilgt anfangs nur 2 % — bei 250 000 € sind das 5 000 € pro Jahr. Eine Sondertilgung von 5 000 € pro Jahr verkürzt die Laufzeit um ~7 Jahre und spart über die volle Laufzeit ca. 30 000 € Zinsen. ertragwerk erlaubt das Eingeben einer jährlichen Sondertilgungsrate (üblicherweise 5 % vom Anfangsdarlehen vertraglich erlaubt) und rechnet den Effekt im Forecast durch.

Sollte ich nach 10 Jahren verkaufen oder halten?

Reine Mathematik: ein gut laufendes Objekt nach 10 Jahren halten produziert in der Regel mehr absolute Rendite als verkaufen + neu kaufen (wegen der erneuten Nebenkosten und der bereits durchlaufenen "mau-Phase"). Strategisch: verkaufen lohnt, wenn (a) das Objekt dir zu viel Verwaltung verursacht, (b) du ein deutlich besseres Objekt im Auge hast, oder (c) du Cash für andere Lebensziele brauchst. Pure Renditebetrachtung spricht für Halten.

Was ist die Ehegattenschaukel?

Eine fortgeschrittene Steueroptimierung: nach Ablauf der 10-jährigen Spekulationsfrist überträgt ein Ehepartner die Immobilie auf den anderen (steuerfrei zwischen Ehegatten gem. §3 Nr. 4 GrEStG, also keine Grunderwerbsteuer). Der übernehmende Ehepartner setzt den Marktwert als neue AfA-Bemessungsgrundlage an — die AfA startet quasi neu. ertragwerk berechnet das Optimierungspotenzial automatisch, wenn du im Profil "verheiratet" + "Ehegattenschaukel" aktivierst.

Bauzinsen + Marktupdates wöchentlich

Eine kurze Mail jeden Sonntag — Wochenveränderung, EZB-Ausblick, ein konkreter Tipp.

Theorie ist nett — rechne's an deinem Objekt durch.

Live-Bauzinsen werden direkt in den Sollzins übernommen. Investment Score und 30-Jahres-Forecast bekommst du in unter drei Minuten dazu.

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LG

Lukas Gurny

Gründer von ertragwerk. Baut seit 2024 Werkzeuge für deutsche Immobilien-Investoren — alles rund um exakte Renditeberechnung, deutsche Steuergesetze und transparente Marktdaten. Eigene Erfahrung mit Mehrfamilienhäusern in NRW.

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