Leitfaden · 11 Min.

Eigenkapital für Immobilien-Investments — die vier Strategien im Vergleich

Wie viel Eigenkapital deine Bank wirklich sehen will, was 100 %-Finanzierung kostet, warum „Cash Buyer" oft eine schlechte Idee ist — und wie du die richtige Quote für deine Strategie findest.

Die häufigste Frage in jedem Erstgespräch zur Immobilieninvestition: „Wie viel Eigenkapital brauche ich?" Die ehrliche Antwort lautet: das hängt davon ab, welche der vier Strategien du fährst. Hier sind sie, in der Reihenfolge wachsender Eigenkapitalquote.

Strategie 1: 110-%-Finanzierung („volle Kanne")

Auch Nebenkostenfinanzierung genannt. Die Bank finanziert Kaufpreis + sämtliche Nebenkosten (Grunderwerbsteuer, Notar, Grundbuch, ggf. Makler). Du zahlst null Euro aus eigener Tasche.

  • Wer macht das: Investoren mit hohem, sicherem Einkommen (typischerweise 70 000+ € brutto, Beamtenstatus oder vergleichbar), die schnell skalieren wollen und ihr Eigenkapital für andere Investments brauchen.
  • Was es kostet: Zinsaufschlag von 0,3–0,7 Prozentpunkten gegenüber 80 % LTV. Bei einem 250 000 €-Darlehen sind 0,5 pp jährlich rund 1 250 € extra Zinsen.
  • Warum die Bank zustimmt: sie will deine Bonität, nicht primär die Immobilie. Du dienst als „besseres Risiko" als das Objekt selbst.

DSCR ist hier kritisch: bei dünner Marge zwischen Mieteinnahmen und Annuität bleibt kein Puffer. Wer 110 % finanziert, sollte mit positivem Cashflow nach Steuer planen, nicht nur „break-even".

Strategie 2: 100-%-Finanzierung mit Eigenkapital-Puffer

Du finanzierst den vollen Kaufpreis, zahlst aber die Nebenkosten aus eigener Tasche (typisch 7–12 % vom Kaufpreis je nach Bundesland). Damit ist die Beleihung am Wert genau 100 %.

  • Wer macht das: Berufseinsteiger mit 30 000–50 000 € Eigenkapital, die bewusst auf maximalen Hebel setzen.
  • Was es kostet: Zinsaufschlag etwa 0,2–0,4 pp gegenüber 80 % LTV.
  • Risikopuffer: wenn die Immobilie 10 % an Wert verliert, bist du unterwasser. Bei volatilen B-Lagen relevant.

Strategie 3: 20–30 % Eigenkapital (klassisch)

Der Lehrbuchansatz: 20 % Eigenkapital + sämtliche Nebenkosten aus eigener Tasche. Die Bank ist relaxt, der Zins gut, die Konditionen verhandelbar.

  • Wer macht das: die meisten Privatinvestoren, die ihr erstes oder zweites Objekt anschaffen.
  • Was du zahlst (Beispiel 285 000 € Kaufpreis): 57 000 € EK + ca. 25 650 € Nebenkosten = 82 650 € Eigenmittel. Dafür: günstigster Zins, beste Verhandlungsposition.
  • EK-Rendite-Effekt: deutlich niedriger als bei 110 % — der Hebel wirkt schwächer. Wer die EK-Rendite maximieren will, sollte hier zweimal nachrechnen.

Strategie 4: 100 % Eigenkapital („Cash Buyer")

Du kaufst ohne Bank, zahlst alles bar. Hört sich nach „kein Risiko" an — ist aber meistens die schlechteste Strategie für Renditeobjekte.

  • Steuer: ohne Schuldzinsen kaum Werbungskosten. AfA reicht nicht aus, um die Mieteinnahmen voll zu kompensieren — du zahlst Einkommensteuer auf fast den gesamten Mietertrag.
  • EK-Rendite: wenn das Objekt 4 % Bruttorendite macht, ist deine EK-Rendite ungefähr 3 % nach Steuer. Eine ETF-Allokation in einen breit diversifizierten Welt-Index hat in den letzten 30 Jahren mehr abgeworfen.
  • Wann es trotzdem Sinn macht: Hochbetagte ohne weitere Risikoaffinität, Erbsituationen, oder Objekte in B-/C-Lagen, wo keine Bank finanzieren würde.

Eine Mischstrategie ist hier oft besser: 50 % Eigenkapital, 50 % günstig finanziert — das gibt Steuervorteile und EK-Rendite-Hebel ohne extreme Schuldenposition.

Welche Strategie passt zu mir?

Die schnelle Heuristik:

  • Niedriges Einkommen, geringes EK → Strategie 3 (klassisch). Bank wird 110 % nicht freigeben, und das ist gut so — der Cashflow-Puffer ist überlebenswichtig.
  • Mittleres Einkommen, EK 50 000–80 000 € → Strategie 2 oder 3, je nach Lage. In stabilen A-Lagen darf Hebel höher sein.
  • Hohes Einkommen (80 000+ €), wenig EK gebunden → Strategie 1 oder 2, um EK für weitere Objekte zu schonen. Steuer- und Hebeleffekte sind hier am stärksten.
  • Erbschaft / Verkaufserlös → keinesfalls Strategie 4. Erst überlegen, ob das EK in mehrere Objekte mit Hebel mehr Rendite erzeugt als ein Cash-Kauf.

Die harte Grenze: DSCR < 1,0

Egal welche Strategie: wenn der Schuldendeckungsgrad (DSCR) nach Steuer unter 1,0 fällt, kostet das Investment dich monatlich Geld — das ist kein „Investment", das ist Liebhaberei mit Steuervorteil. Die Bank sieht das genauso und wird zögern.

ertragwerk berechnet DSCR automatisch. Wenn die Zahl unter 1,1 liegt, prüf: Eigenkapital erhöhen? Tilgung senken? Anderes Objekt? Bei DSCR < 1,0 sollte die Antwort lauten: anderes Objekt.

Zusammenfassung

Eigenkapital ist kein Selbstzweck. Es ist ein Hebel-Werkzeug: weniger EK = mehr Steuervorteil und EK-Rendite, aber weniger Puffer. Die richtige Quote ergibt sich aus deinem Einkommen, deinem verfügbaren Cashflow-Puffer und der Bonität der Lage.

Spielen mit den Eingaben: eigenes Objekt anlegen — die EK-Höhe ist ein Eingabefeld, der DSCR-Effekt ist sofort sichtbar. Oder den EK-Rendite-Rechner nutzen, um die Hebelwirkung mit den eigenen Zahlen zu durchdenken.

Häufige Fragen

Bekomme ich überhaupt eine 110-%-Finanzierung?

Nur bei guter Bonität — typisch ab 70.000 € Bruttojahreseinkommen, ungekündigtem unbefristetem Arbeitsvertrag oder Beamtenstatus. Selbstständige haben es deutlich schwerer; Banken verlangen meist 2–3 vollständige BWA-Jahre als Nachweis. Vermittler wie Interhyp filtern in ihrer Suche dafür — wenn 110 % nicht angezeigt wird, ist das ein klares Bonitätssignal.

Was sind die Nebenkosten beim Immobilienkauf?

Grunderwerbsteuer (3,5–6,5 % je nach Bundesland), Notarkosten + Grundbuch (~1,5–2 %), ggf. Maklerprovision (max. 3,57 % je Seite). Insgesamt also 5–12 % vom Kaufpreis. Bei 285.000 € Kaufpreis in Berlin sind das ungefähr 25.000–32.000 €. Diese Kosten sind nicht abschreibbar.

Sind die Nebenkosten beim Cash-Kauf trotzdem höher?

Nein, sie sind in absoluten Zahlen identisch — nur der Anteil am Gesamtinvestment ist anders. Was beim Cash-Kauf wegfällt: Bearbeitungsgebühren der Bank, ggf. Wertgutachten-Kosten, Bereitstellungszinsen wenn die Auszahlung verzögert wurde.

Welche Eigenkapitalquote nehmen Banken wirklich ernst?

20 % am Wert ist die Schwelle, ab der Konditionen merklich besser werden. 30 % bringt nochmal 0,1–0,2 pp, 40+% machen kaum noch einen Unterschied — der Zinsboden ist dann erreicht. Mehr als 30 % EK in eine Renditeimmobilie zu stecken, ist meist Kapital-Verschwendung.

Was passiert, wenn ich das EK woanders besser anlegen kann?

Genau diese Rechnung sollte jeder Investor machen: Opportunitätskosten. Wenn du 60.000 € statt in EK lieber in einen ETF mit erwarteten 6 % p.a. steckst, ist das ein expliziter Trade-off gegen die EK-Rendite des Immobilien-Investments. ertragwerks Investment Score zeigt die EK-Rendite explizit — wenn die unter 5 % liegt, ist die ETF-Alternative ehrlich zu prüfen.

Kann ich Eigenkapital auch aus einem Darlehen einer Familie oder eines KfW-Programms nutzen?

Privatdarlehen aus der Familie sind möglich, müssen aber vertraglich sauber dokumentiert sein (sonst sieht die Bank das nicht als „echtes" EK an, sondern als zweite Bedienpflicht). KfW-Programme (z.B. KfW 124 für Wohneigentum) erlauben günstige Zweitfinanzierungen, sind bei reinen Renditeobjekten aber meist nicht zugänglich — die KfW will Selbstnutzung sehen.

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LG

Lukas Gurny

Gründer von ertragwerk. Baut seit 2024 Werkzeuge für deutsche Immobilien-Investoren — alles rund um exakte Renditeberechnung, deutsche Steuergesetze und transparente Marktdaten. Eigene Erfahrung mit Mehrfamilienhäusern in NRW.

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